Gegen Vorurteile, für gleiche Rechte – Artikel

Gegen Vorurteile, für gleiche Rechte – Artikel

„Nationalratspräsidium: Was Marina Carobbio als «höchste Schweizerin» bewirken möchte“.  Mein Artikel in der aktuelle Nummer von „Links“: PDF Artikel 

Hier die Text-Version: 

Ein Jahr lang habe ich die Ehre, den Nationalrat und die Bundesversammlung zu leiten sowie unsere Institutionen in der Schweiz und im Ausland zu vertreten. Als Natio- nalratspräsidentin werde ich versu- chen, die Stimme der Minderheiten zu sein und ihre Anliegen besser in die Politik einzubringen: sprachliche und kulturelle Minderheiten wie die Svizzera italiana, aber auch all die Sprachen und Kulturen, welche nicht historische Wurzeln in der Schweiz haben, aber genauso Teil unseres Landes sind. Die Schweiz ist nicht viersprachig, sondern zehn-, zwölf-, zwanzigsprachig. Unsere Vielfalt ist unser grösster Reichtum. In Zeiten, in denen Angst und Misstrauen ge- genüber all dem herrschen, was als «anders» angesehen wird, ist es wichtig, dies zu unterstreichen. Während meines Präsidialjahrs möchte ich versuchen, Brücken zwischen den verschiedenen Sprachregionen und Kulturen zu schlagen, aber auch zwi- schen den Bewohnerinnen und Be- wohnern unseres Landes – seien es Schweizer Bürgerinnen und Bürger, in der Schweiz wohnhafte Auslän- derinnen und Ausländer, Flüchtlinge oder Menschen, die mit Ausgrenzung und Schwierigkeiten am Arbeitsplatz oder in der Gesellschaft zu kämpfen haben. Brücken zu bauen, um Vorur- teile gegen diejenigen zu bekämpfen, die sich nicht den sozialen Zwängen anpassen.

Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Homophobie und Sexismus haben die gleiche Matrix: Sie wol- len die Privilegien weniger verteidigen statt die Rechte aller. Um gegen sie anzukämpfen, brauchen wir den Feminismus. Und zwar einen Feminismus, der sich nicht nur für die Frage des Geschlechts interessiert, sondern für die Werte der Gesellschaft. Der nicht nur für Chancengleichheit von Frauen und Männern kämpft, sondern auch gegen geschlechtsspezifische Diskriminierung und generell gegen Diskriminierung von Minderheiten. Voraussetzungen dafür sind ein Paradigmenwechsel in der Gesell- schaft und bei den Machtverhältnissen. Ich würde auch sagen, dass der Feminismus eine Vision mit globaler Legitimität ist: Er versucht, ein Querschnittsproblem zu lösen, das in der Schweiz ebenso wie in Europa oder im Norden und Süden der Welt existiert.

Wir müssen die Arbeit von Frauen sichtbarer machen und sie motivieren, sich politisch zu engagieren. Dies bringt mich zu dem zweiten Thema, das ich während meiner Präsidentschaft hervorhe- ben möchte: die Beteiligung von Frauen am politischen Leben und allgemein in allen Bereichen der Gesellschaft. Die Unterrepräsen- tation der Frauen ist nicht nur aus demokratischer Sicht ein Problem, sondern hat auch einen konkreten Einfluss auf die politischen Entscheidungen. Ich hoffe, mit meiner Präsidentschaft meinen beschei- denen Beitrag zu diesem wichtigen Kampf leisten zu können. Es ist von grundlegender Bedeutung, Bedingungen zu schaffen, unter denen Frauen eine politische Karriere ver- folgen können. Dies umfasst eine bessere Aufgabenteilung innerhalb der Familie und die Schaffung von staatlichen Strukturen, die die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Politik erleichtern. Es bedeutet aber auch, dass Parteien die Frauen aktiv unterstützen müssen, weil sie im- mer noch mehr Hindernisse über- winden müssen als Männer, um in die Politik einzutreten: Vorurteile, mangelnde Förderung oder eine schwächere Präsenz in den Medien.

Als Vertreterin der Svizzera italiana möchte ich mein Präsidialjahr den Frauen, den sprachlichen und kulturellen Minderheiten und den Schwächeren widmen. All jenen also, deren Stimmen man häufig nicht hört. Die Demokratie fordert nicht nur, dass man Vorurteile überwindet und Diskriminierung bekämpft, sondern auch, dass die Interessen aller Mitglieder der Gesellschaft im Entscheidungsprozess gehört werden. Es ist eine Herausforderung, aber ich bin überzeugt, dass wir es zusammen schaffen können, care compagne und cari compagni.

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