SBK Kongress – Rede

SBK Kongress – Rede
SBK Kongress – Rede

Ich durfte eine Rede auf dem Jahreskongress des Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner SBK – ASI halten: 

Geschätzte Damen und Herren

Zuerst möchte ich mich herzlich für die Einladung zu Ihrem Kongress bedanken. Da ich Ärztin bin, stand Gesundheitspolitik schon immer im Mittelpunkt meiner politischen Arbeit. Ich freue mich daher sehr, hier und heute über die Herausforderungen sprechen zu dürfen, die in den nächsten Jahren auf die Pflege und auf das Schweizer Gesundheitssystem zukommen, vor allem aber auch die Meinung der Expertinnen und Experten dazu zu hören. Wir leben in einer Zeit, in der verschiedene Entwicklungen unser Gesundheitssystem unter immer grösseren Druck setzen. Erstens die Alterung der Bevölkerung: Das Bundesamt für Statistik geht davon aus, dass in den nächsten dreissig Jahren die Zahl der Menschen im Pensionsalter in allen Kantonen um durchschnittlich 50 Prozent ansteigen wird. Diese demografische Entwicklung hat direkte Auswirkungen auf die Häufigkeit verschiedener Arten von Krankheiten. So werden beispielsweise die chronischen Erkrankungen zunehmen. Wie auch der Nationale Gesundheitsbericht des Bundes unterstreicht, stellen chronische Krankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Demenz eine wachsende Herausforderung für das Schweizer Gesundheitssystem dar. Ihre Zunahme ist die negative Folge einer langfristigen Entwicklung: Der Lebensstil der Bevölkerung hat sich im Laufe der Zeit deutlich gewandelt. Diese Veränderungen betreffen fast alle Lebensbereiche wie Arbeit, Mobilität, Wohnsituation, Ernährungsgewohnheiten und Freizeit. Parallel dazu steigt die Lebenserwartung und altert die Babyboomer-Generation – dies sind die Gründe, weshalb es immer mehr alte und chronisch kranke Menschen gibt. Schätzungen zufolge werden in Zukunft 80 Prozent der Gesundheitsleistungen weltweit für Menschen mit chronischen Erkrankungen erbracht. Künftig wird es also zu einer Schwerpunktverlagerung von Behandlungen im Akutbereich hin zur Pflege von Langzeitkranken und chronisch erkrankten Personen kommen. Hinzu kommt noch eine weitere Entwicklung, welche problematisch werden könnte. Ich zitiere aus dem Positionspapier «Perspektive 2020» des SBK: «Zurzeit werden die meisten pflegebedürftigen Menschen – in der Regel durch Familienangehörige – zu Hause versorgt. Die Veränderung der Lebensweisen und Beziehungsformen mit beispielsweise mehr Alleinstehenden und mehr berufstätigen Frauen und Männern wird die oben genannte Versorgungsart für eine wachsende Anzahl pflegebedürftiger Personen – sei es kurz oder langfristig – vor Probleme stellen respektive die Nachfrage nach professionellen Pflege- und Betreuungsdienstleistungen ansteigen lassen». Zitat Ende. Care-Arbeit ist vorwiegend Frauenarbeit: Nach wie vor leisten Frauen den Grossteil der Betreuungsarbeit in der Familie und mit betagten Menschen. Die Frauen sind von den negativen Konsequenzen der Care-Arbeit stärker betroffen als Männer. Berechnungen gehen davon aus, dass 81 Prozent der Care-Arbeit unbezahlt geleistet wird, wovon 63 Prozent von Frauen geleistet wird. Dies entspricht 7,25 Milliarden Arbeitsstunden oder 1,2 Millionen Vollzeitstellen. Einerseits leisten die Frauen Grossteil der unbezahlte Arbeit. Gleichzeitig sind Pflegeberufe immer noch hauptsächlich weiblich. In diesem Frauenjahr sollten wir deshalb auch denken, was dies bedeutet: Care-Arbeit und die Frauenberufe- wie viele Pflegeberufe – sollen aufgewertet werden. Frauen- und selbstverständlich auch Männer, die diese Berufe wählen und ausüben sollten unterstützt werden.

 

Was die Alterung der Bevölkerung betrifft, so wird in den nächsten Jahrzehnten nicht nur die Zahl der chronisch Erkrankten, sondern auch diejenige der multimorbiden Personen massiv zunehmen. Wie bereits erwähnt, ist das Schweizer Gesundheitssystem nur teilweise auf diese zunehmende Komplexität der Erkrankungen vorbereitet, war es doch bis anhin vor allem auf die Behandlung von Personen mit einer einzigen akuten Krankheit ausgerichtet.

Diese verschiedenen Entwicklungen, die ich kurz beschrieben habe, verdeutlichen den Bedarf an integrierten Versorgungsmodellen, in denen die Rolle des Pflegepersonals stärker anerkannt wird. Die Pflegefachpersonen müssen aufgrund ihres Fachwissens auf die gleiche Stufe gestellt werden wie die anderen Fachpersonen im Gesundheitsbereich – Ärztinnen und Ärzte eingeschlossen. Selbstverständlich jeder in seinem Kompetenzbereich. Ausserdem ist es wichtig, die menschliche Seite der Pflegearbeit anzuerkennen und aufzuwerten. Von den Fachpersonen hat das Pflegepersonal nämlich den engsten Kontakt zu den Patientinnen und Patienten und baut mit diesen ein Vertrauensverhältnis auf, das ermöglicht, deren tatsächliche Bedürfnisse zu verstehen. Das sogenannte «Caring» ist ein zentraler Aspekt der Pflegearbeit. Menschlichkeit und medizinisches Fachwissen sind also zwei Dinge, die von grundlegender Bedeutung sind. Auch die Weltgesundheitsorganisation anerkennt schon seit Langem den wesentlichen Beitrag, den das Pflegepersonal zur Verbesserung der Volksgesundheit leistet. Ich zitiere aus der Strategie der Weltgesundheitsorganisation 2016–2020 zur Stärkung der Pflege und des Hebammenwesens: «Nursing and midwifery professions can transform the way health actions are organized and how healthcare is delivered if they are regulated and well supported. The services they offer can also provide a rallying point for inter- and intradisciplinary health actions, which is a core of this report».

Allerdings gibt es noch sehr hierarchische Systeme, in denen der so wichtige Beruf der Pflegekraft nicht ausreichend wertgeschätzt wird. Ein konkretes Beispiel sind die Diskussionen in der Gesundheitspolitik: Nur noch selten sitzen diese Fachkräfte an den Tischen, an denen gesundheitspolitische Massnahmen beschlossen werden, und ihre Rolle als Key Stakeholder wird oft verkannt. Die Volksinitiative «Für eine starke Pflege» will indirekt auch dies ändern. Sie löst nicht nur das konkrete Problem des Pflegenotstands, indem sie für eine Aufwertung des Berufs, eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen und die Förderung von integrierten Versorgungsmodellen sorgt, sondern hat auch den Vorteil, dass die Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger unmittelbar in die politischen Entscheidungen eingebunden werden. Dies ist die Gelegenheit, sich bei Entscheidungen, die Sie, Ihre Arbeit, aber auch die Bevölkerung betreffen, Gehör zu verschaffen, meine sehr verehrten Damen und Herren. Denn die Pflege ist ein wesentlicher Bestandteil der Gesundheitsversorgung. Ohne Pflege und Pflegepersonal könnten die Ziele in der Gesundheitsversorgung nicht oder nur mit grösster Mühe erreicht werden, denn wie der Titel des Kongresses treffend lautet: «Pflege wirkt!».

 

 

Ich erinnere mich noch an jenen Tag – es war der Morgen des 17. Januar 2017 –, als die Volksinitiative des SBK , „für eine starke Pflege“ vorgestellt wurde . An einer Pressekonferenz haben wir Alarm geschlagen: «Der Mangel an qualifiziertem Pflegepersonal ist gravierend und die Quote der Personen, die aus dem Beruf aussteigen, ist enorm hoch. In Heimen, im ambulanten Bereich und in Spitälern fehlt es an Fachpersonal. Die Politik muss handeln!» Die Initiative verpflichtet Bund und Kantone, in die Ausbildung im Pflegebereich zu investieren, die Rahmenbedingungen in der Praxis zu verbessern und die eigenverantwortliche Arbeit der Pflegefachpersonen gesetzlich anzuerkennen.

Ein wichtiger Aspekt ist die Verbesserung der Arbeitsbedingungen im Pflegebereich. Wie ich zu Beginn meiner Rede gesagt habe, führt die Zunahme an Menschen mit chronischen Krankheiten und die Alterung der Bevölkerung dazu, dass der Bedarf an Pflegeleistungen weiter ansteigen wird. Allerdings wird heute nicht einmal die Hälfte der in Zukunft benötigten Pflegefachpersonen ausgebildet. Selbst unter Berücksichtigung aller Ausbildungsstufen sind es nur 56 Prozent. Deswegen ist eines der Ziele der Volksinitiative, den Pflegeberuf aufzuwerten. Zu attraktiven Arbeitsbedingungen gehören höhere Ausbildungslöhne während der HF/FH-Ausbildung, familienfreundliche Rahmenbedingungen, mehr Entscheidungsbefugnis sowie bessere Weiterbildungs- und Karrieremöglichkeiten.

Der Entschied zur Lancierung dieser Initiative war langwierig. 2016 – ein Jahr vor der Lancierung – diskutierte die Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit des Nationalrates, der ich damals angehörte und der ich immer noch angehöre – über eine parlamentarische Initiative, die mehr Autonomie für Pflegefachpersonen verlangte. Bestimmte typische Pflegeleistungen sollten auch dann von den Krankenkassen übernommen werden, wenn diese Leistungen nicht mit ärztlicher Unterschrift verordnet wurden.

Ich setze mich stark für diese parlamentarische Initiative ein, da sie ein guter Vorschlag war. Ich bin überzeugt, dass sie ein richtiger Schritt hin zu einem Gesundheitssystem ist, das tragfähige integrierte Versorgungsmodelle vorsieht. Mit Versorgungsmodelle, in denen alle Fachpersonen ihre Aufgaben entsprechend ihren Kompetenzen erbringen können und eine echte interprofessionelle Zusammenarbeit stattfindet. Ein Gesundheitssystem also, das eine qualitativ hohe Versorgung für alle sicherstellt.

Die Kommission verarbeitete einem Vorschlag. Zum einen sollte das Gesetz auf sechs Jahre befristet werden, zum anderen sollte es den Krankenkassen freigestellt werden, mit welchen Pflegefachpersonen sie einen Vertrag abschliessen. Dies führte dazu, dass auf dem Buckel der Pflegenden eine Grundsatzdiskussion über die Aufhebung des Vertragszwanges lanciert wurde. Das Projekt scheiterte.

 

Wie gesagt bin ich nicht nur Politikerin, sondern auch Ärztin. Ich weiss, dass die Pflege eine tragende Säule der Gesundheitsversorgung ist. Aber diese Säule ist am Bröckeln: Zu wenig junge Leute ergreifen einen Beruf im Pflegebereich.

Deshalb beschloss   eurem Verband, der SBK , die Pflegeinitiative zu lancieren. Nach nur acht Monaten waren die nötigen 120’000 Unterschriften gesammelt – ein Erfolg, der zeigt, dass die Bevölkerung den Ernst der Lage und den dringenden Handlungsbedarf erkannt hat. Dank eurem Einsatz hat die zuständige Kommission des Nationalrates die vorherige Entscheidung im parlamentarischen Verfahren teilweise wieder korrigiert, indem sie einen indirekten Gegenentwurf auf Gesetzesebene zur Pflegeinitiative vorgeschlagen hat, der jetzt in bald in der Vernehmlassung sein wird. Für eine Stärkung der Pflege – für mehr Patientensicherheit und mehr Pflegequalität» so heisst der Gegenentwurf, der ein Gesetz und drei Bundesbeschlüsse umfasst, sieht eine Ausbildungsoffensive und mehr Kompetenzen für das Pflegefachpersonal vor. In Sachen Ausbildung sollen die Kantone den Spitälern, Pflegeheimen und Spitex-Organisationen vorgeben, wie viele Ausbildungsplätze diese für Pflegefachpersonen der höheren Fachschulen (HF) und der Fachhochschulen (FH) bereitstellen. Im Gegenzug sollen sich Bund und Kantone insbesondere an den ungedeckten Ausbildungskosten dieser Leistungserbringer beteiligen und die Ausbildungslöhne der angehenden Pflegefachleute HF und FH aufbessern. Diese Entscheidung der nationalrätliche Kommission und das Ergebnis der Demoscope-Umfrage, wonach 76 Prozent der Befragten die Initiative unterstützen, sind ermutigende Zeichen für diesen schwierigen Weg, der vor uns liegt – ein schwieriger, aber notwendiger Weg, um die Pflegeberufe aufzuwerten. Lasst uns diese wertvolle und notwendige Arbeit zukunftssicher machen, indem wir ihr den Wert zuerkennen, der ihr zusteht, und für angemessene Bedingungen sorgen. Zum Abschluss zitiere ich noch einmal den offiziellen Titel des Kongresses – diesmal jedoch auf Französisch: «Pouvoir infirmier, en avant!».

En termes d’accès aux prestations de soins, mais aussi pour la gestion et l’évolution des systèmes de santé afin de relever les défis à venir, le rôle des infirmières est central.

 

Grazie!

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